Norddeutscher Campingtag: Vortrag von Eicke Schüürmann News Alles bleibt anders

Vor gut drei Wochen hat sich die CSU ein neues Grundsatzprogramm gegeben, unter anderem, Zitat Horst Seehofer, „damit Deutschland Deutschland bleibt“. Ja, du lieber Himmel, was sollte es sonst auch bleiben? Diese idem-per-idem-Formulierung kennen wir aus Internet-Foren, Leserbriefen und ganz sicher kann Stefan Thurn ein langes Lied davon singen, wie viele Camper sich alljährlich beim ADAC-Campingführerteam ausheulen und wollen, „dass Camping Camping bleibt“. Was Christsoziale und Campingsoziopathen eint, ist eine retroselige wertkonservative Haltung.

Unsere Leserbriefschreiber wettern gegen neumodischen Kram. Sie finden Glamping, oft aber auch schon ein mietbares Privat-Badezimmer degoutant. Camping sollte sich in ihren Augen auf ewig eine Art Rest-Biwak- oder Bootcamp-Atmosphäre bewahren. Ich frage diese Herrschaften dann gern, ob sie denn immer noch ein Auto mit Fens-
terkurbeln fahren und jede Fahrzeugtür einzeln abschließen müssen. Wahlweise auch, ob ihr Caravan tatsächlich noch einen manuell umzulegenden Rückfahrsperrhebel für die Auflaufbremse hat oder wann sie das letzte Mal den Glühstrumpf ihrer Gasleuchte gewechselt haben. Die Frage, ob Deutschland Deutschland oder Camping Camping bleibt, spiegelt ein grundsätzliches Problem alternder Gesellschaften.

Ab einem gewissen Maß an Lebensjahren und überwundenen Herausforderungen möchten die meisten Leute keine Veränderungen mehr. Komfortsteigerung, vulgo: Rentenerhöhung ja, aber keinen Paradigmenwechsel bitte. Das heißt, alternde Gesellschaften werden konservativer, sie schotten sich ab. Das wird umso deutlicher, je weniger hungrige, fordernde und vor allem politisch organisierte junge Menschen der Phalanx der Alten gegenüberstehen.

Die zukünftige Unterzahl und das schon aktuelle Desinteresse eines Großteils junger Menschen an den überkommenen Instrumenten der Parlamentsdemokratie schaffen eine Kluft. Wenn die einen besitzstandsangstverbittert lamentieren und die anderen ohrverstöpselt chillen, entsteht kein Generationen-Dialog. Wo kein Dialog ist, werden keine Argumente ausgetauscht. Die Lernkurve bleibt auf beiden Seiten flach wie das EKG eines Toten.

Was hat das mit uns, mit unserem Thema zu tun? Wir könnten ja ganz einfach eine einsam auf einer Wiese am Holzpfahl lungernde, mit vier Ampere abgesicherte Schukosteckdose zum Ausweis von Camping bleibt Camping stilisieren. Wir könnten mehr solcher wertekonservativer Angebote machen, wir könnten uns die Investitionen in Glampingzelte und Privatsanitär sparen und hätten dann hoffentlich lauter zufriedene 50plus-Camper, die ihre 9-Meter-2-Tonnen-Einzelbett-Caravans mit Powermovern durch unsere feuchten Wiesen pflügen oder ihre Slide-Out-bewehrten, reisebusgroßen Wohnmobile über zwei Parzellen hinweg bei uns abstellen, damit Camping Camping bleiben kann.

Wir könnten das tun. Viel zu viele tun das auch noch. Leider wissen wir aber, dass diese Zielgruppe, von der wir nun alle schon so lange so gut leben, endlich ist. Sie ist eine Konjunktur-Supernova, die sich immer weiter aufbläht – aber in der nächsten Dekade zu einem schwarzen Loch implodieren wird. Der Grund: Unter Ausbeutung der Sozial-
systeme wurde hier eine große Kohorte sehr gesunder, sehr wohlhabender Menschen möglichst früh verrentet, um in einem schrumpfenden Arbeitsmarkt Jüngeren Perspektiven zu öffnen. Ein guter Ansatz, leider geboren aus dem Traum, es gebe Genuss ohne Reue. Auf einmal aber ist Norbert Blüms Rente nun doch nicht mehr sicher, das Eintrittsalter rutscht nach oben, Rentner mit Zusatzjobs werden häufiger. Andrea Nahles sucht mit Haltelinien Linie zu halten. Der goldene Handschlag wird unserer Gesellschaft definitiv zu teuer.

Es ist nicht zu leugnen: Nachfolgende Rentnergenerationen werden deutlich weniger Geld übrig haben, weit mehr zum täglichen Leben brauchen. Sie werden sich nicht mehr überrascht die Augen reiben, wenn in einem sowieso schon gut ausgepolsterten Ruhestand auch noch die Lebensversicherung fällig wird und dieses Geld auch keineswegs mehr sofort zum nächsten Reisemobilhändler tragen. Unsere goldene Melkkuh 50plus wird sich in einen Lemming wandeln und im Kollektiv reihenweise über die Klippe springen.

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