„Früher war mehr Lametta“, verkündet die Stecktafel vor der Eingangstür der Bar Mural in Münchens Maxvorstadt. Und tatsächlich hätte ich den schlichten Eingang in eines der angesagtesten Lokale der Stadt beinahe übersehen, hätte ich nicht gezielt danach gesucht. Besonders in der Vorweihnachtszeit, wenn alle Geschäfte, Restaurants und Kneipen mit Lichterketten um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlen, zieht sich die Bar Mural höflichst, beinahe introvertiert, zurück. Kaum habe ich meinen Mantel abgelegt, begrüßt mich Kilian, seines Zeichens Sommelier und Zeremonienmeister des Lokals. Er ist mir kein Unbekannter, denn meine alte Schulfreundin Simone arbeitet manchmal ebenfalls in der Bar Mural – und das ist der Grund, weshalb ich hin und wieder ein langes Wochenende in München verbringe. Dass ich aber diesmal dachte, ich könnte auf der Durchreise Camping und Freundschaft verbinden, erwies sich als suboptimal. Schließlich wäre ich als Wahl-Stuttgarter mit der Bahn schneller in die bayrische Metropole gefahren als mit dem Wohnwagen-Gespann. Außerdem war da noch die Frage nach dem geeigneten Campingplatz, die es vorher zu klären galt. Nah am ÖPNV musste er sein, denn wir hatten es nicht vor, schon nach einem Glas Wein aufzuhören. So fragte ich am Vorabend der Reise Dr. Google, welchen Flecken er mir empfehlen würde.
Die Suche nach dem Campingplatz
Was die Nähe zur Innenstadt betraf, erwies sich der Campingplatz Thalkirchen als klarer Favorit. Zwei U-Bahn-Haltestellen fußläufig erreichbar, zwei Bushaltestellen direkt ums Eck. Eigentlich eine klassische Zeltwiese, aber auch für Wohnwagen und Wohnmobile zugelassen. Wenig Begleitprogramm, wenig Ablenkung – aber auch wenige Sterne in der Google-Bewertung. Nur Kommentare gab es unendlich viele, die alle den wohl desolaten Zustand der Sanitäranlagen beschrieben. Und obschon ich grundsätzlich ein abenteuerlustiger Camper bin, wurde mein Ekelgefühl schon zu oft auf die Probe gestellt, als dass ich mich freiwillig in die Höhle der Löwen – beziehungsweise in die Höhle der versifften Duschen – begeben würde. Ich werde nie vergessen, wie mich 2015 beim Zelten auf Korsika der allererste Kulturschock bezüglich Toiletten ereilt hatte. Nicht nur die Art, sondern auch der Zustand war für mich derart ekelerregend, dass ich mein Geschäft lieber nachts im Gebüsch neben einem Hubschrauber-Landeplatz erledigt habe. Gut, solche Probleme hat man als Caravaner nicht mehr, schließlich steht die eigene Kassettentoilette zur Verfügung, aber Duschen sollte man schon können, ohne dabei noch dreckiger als davor zu werden. Nun, wie löst man das Problem, die Wahl zwischen guter Lage und grundsätzlichem Komfort? Richtig, man verdrängt sie. Als mich Simone über WhatsApp fragt, ob ich denn schon wüsste, wo ich schlafen würde, tippe ich meine Antwort mit der Selbstsicherheit der Vielgereisten: Das sehen wir, wenn ich erstmal angekommen bin.
Startpunkt: Viktualienmarkt
Natürlich haben wir es nicht gesehen. Denn als ich am frühen Nachmittag in der Straße meiner ehemaligen Klassenkameradin ankam, hatte ich gleich nach dem Aussteigen gar keine Lust mehr, jemals wieder Auto zu fahren. Die typischen Nebenwirkungen des Mittleren Rings, klar. Wie auch immer, ich beschloss, das Gespann vorm Haus zu parken und dort zu schlafen. Simone musste ohnehin noch etwas erledigen, sie schlug also vor, dass wir uns am späten Abend in der Bar Mural treffen. Bis dahin könnte ich die Stadt mit meinem Deutschlandticket erkunden. Gesagt, getan, nichts einfacher als das. Und ob man vom Camping Thalkirchen oder von Berg an Laim aus losfährt, macht auch keinen großen Unterschied. Hauptsache, man fängt direkt am Viktualienmarkt an. Denn für mich ist der Viktualienmarkt die Essenz des modernen Münchens. Hier treffen sich Schickeria und Schnitzeltourismus, Kultur und Absturz, Einheimische und Zugezogene. Der Name des Platzes stammt vom Wort „Viktualien“, einem Synonym für Lebensmittel, das im 19. Jahrhundert im Bürgertum benutzt wurde. Als der Marktplatz 1807 auf Geheiß des Königs Max I. Joseph vom Marienplatz auf ihren heutigen Standort verlegt wurde, hieß er noch schlicht „grüner Markt“. Doch als das Bürgertum im 19. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung gewann, sickerten einige lateinische Begriffe von der Studentensprache in die Alltagssprache durch. Viktualien, Konsilien, Kompetenzen, Applaus und Advokaten – die latinisierte Sprache war zu dieser Zeit ein Sozial- und Statussymbol.
Apropos Sozialsymbol. „Wenn du auf dem Viktualienmarkt deinen Wocheneinkauf erledigen kannst, bist du finanziell angekommen“, wird Simone mir später erklären. „Das ist alles für die Touristen und für die Schickeria, deshalb ziemlich teuer.“ Außerdem verändert sich die Bedeutung des Viktualienmarktes immer mehr – war er früher ein reiner Versorgungsmarkt, wandelt er sich seit den 1950ern beständig zum Genießer-Hotspot. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Entwicklung allerdings extrem beschleunigt. So ist heute der Tourismus für einen nennenswerten Teil des Umsatzes verantwortlich. Nicht zuletzt dank mir, denn eine Rote Wurst in der Semmel und ein Bier habe auch ich mir gekauft.
(Nicht nur) für Plattensammler: Optimal Records
Jetzt geht’s aber weiter, in weniger touristische Gefilde. Gekauft wird dennoch etwas – und zwar bei Optimal Records in der Kolosseumstraße im Glockenbachviertel. Seit 1982 gibt es das Optimal, seit 1997 am jetzigen Standort. In den 43 Jahren hat man sich vom reinen Plattenladen zum Musik-Vollsortimenter entwickelt: Vinyl, Bücher, Noten, Merchandise und Getränke werden von Montag bis Samstag von 11 bis 20 Uhr dargereicht. Service und Beratung sind erstklassig: Nach kurzer Nachfrage halte ich sofort das gesuchte Album „Tour de France“ von Kraftwerk in der Hand. Natürlich in der bunt-transparenten Edition. Doch nicht nur Fans alter Musik kommen im Optimal auf ihre Kosten. Durch die jahrelange enge Zusammenarbeit mit diversen Münchner Labels und Verlagen finden im Laden regelmäßig Lesungen, Vorträge und Konzerte statt. Aus dem Einzelhandel mit alten Tonträgern wurde mit den Jahren ein modernes Kulturzentrum – und der etwas neckische Aufkleber „Vinyl kills mp3“ an der Eingangstüre hat sich auch schon längst als Wahrheit erwiesen.
Kultur: Die Pinakotheken
Gut, die Einkäufe sind erledigt, jetzt wollen wir den Konsum mit etwas Kultur ausgleichen. Die ersten Anlaufstellen sind natürlich die Pinakotheken. Wieder einmal kommt uns ein Wort entgegen, dessen Ursprünge in der Bildungssprache des 19. Jahrhunderts liegen. Das Wort „Pinakothek“ stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet schlicht und ergreifend „Saal, in dem man Gemälde aufbewahrt“. Die Initiative zum Bau der Münchner Galerien geht auf König Ludwig I., den Sohn des Viktualienmarkt-Gründers Maximilian Joseph, zurück. Ludwig I. wollte die von ihm stark erweiterte Gemäldesammlung der Wittelsbacher öffentlich zugänglich machen und beauftragte 1825 den Architekten Leo von Klenze mit dem Bau einer Galerie. Das Gebäude wurde 1836 fertiggestellt und war nicht nur das größte Museumsgebäude seiner Zeit, sondern auch der weltweit erste reine Galeriebau, der anderen Bauten jahrzehntelang als Vorbild diente. Zu Beginn wurden rund 2000 Gemälde der alten deutschen Meister und der italienischen Renaissance ausgestellt – eine Sammlung, die durch und durch vom persönlichen Geschmack Ludwigs I. geprägt wurde. Das erklärt auch, weshalb die spanische und französische Malerei vergleichsweise kurz kommt, während die altniederländische und flämische Kunst wesentlich stärker gewichtet wurden. So kam es zustande, dass die weltweit größte ständige Rubens-Sammlung und die umfangreichste Sammlung von Bildern altdeutscher Meister sich beide in der Alten Pinakothek in München befinden. Aktuell sind in 19 Sälen und 47 Kabinetten etwa 700 Werke ausgestellt, dazu kommen noch die Wechselausstellungen. Heute befindet sich die Sammlung im Besitz des Freistaats und wird von der Direktion der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geleitet. Die Alte Pinakothek ist montags geschlossen, sonst ab 10 Uhr besuchbar. Der Eintritt kostet neun Euro, für Kinder und Jugendliche (bis 18 Jahre) ist er umsonst. Ein besonderes Sparangebot gibt es sonntags, da schlägt der Eintritt mit nur einem Euro zu Buche. Dieses Angebot gilt übrigens auch für die Neue Pinakothek (ebenfalls von Ludwig I. gegründet, aktuell wegen Sanierungsarbeiten geschlossen) und die Pinakothek der Moderne. Diese drei Institutionen sowie die Glyptothek, eine Sammlung antiker Skulpturen, bilden das Grundgerüst des sogenannten Kunstareals zwischen der Theresienstraße und dem Karolinenplatz. Wer sich also ein kulturträchtiges Wochenende wünscht, kommt hier bestens auf seine Kosten.
Naturweine und leichte Gerichte in der Bar Mural
Für mich geht es jetzt allerdings weiter, denn drei Orte, zwei Einkäufe und etwa 700 Gemälde hinterlassen ihre Spuren. Gerade jetzt, wenn ich aus den bestens belichteten Räumen der Alten Pinakothek in die schwache Abendsonne des Winters gleite, merke ich, dass ich den Abend nun der Gemütlichkeit widmen möchte. Also raus aus der Alten Pinakothek, links Richtung Theresienstraße, dann rechts lang, etwa 200 Meter. Schon sind wir dort, wo wir die Geschichte angefangen haben: in der Bar Mural. Die Bar Mural ist eine Außenstelle des Restaurants Mural, das 2024 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Hier geht es wesentlich lockerer, aber nicht weniger lecker zu, wobei das Essen in der Bar nur eine untergeordnete Rolle spielt. Viel verlockender ist die große Auswahl an Naturweinen aus Deutschland und Übersee. Doch was genau macht diese Weine denn aus? Nun, bereits der Anbau am Weinberg soll ohne Eingriffe in die natürlichen Prozesse geschehen. Zum Beispiel wird auf die Verwendung von synthetisch hergestelltem Dünger oder von Unkrautbekämpfungsmitteln verzichtet. Die Lese erfolgt per Hand und der Gärungsprozess darf nicht durch Zugabe von Hefen beschleunigt werden. Dass auch kein Zucker beigefügt wird, um den Alkoholgehalt zu erhöhen – der Prozess wird fachmännisch Anreicherung genannt – erklärt sich von selbst. Sulfite hingegen dürfen hinzugefügt werden, da sie den Wein wesentlich länger haltbar machen. Viele Naturweine, insbesondere aber Rotweine, kommen auch ohne Filterung und Schönungsmittel aus, sprich sie sind naturtrüb, wie man es von Fruchtsäften oder auch Bier kennt. Zu Essen gibt es einfache Gerichte, die aus frischen und regionalen Zutaten zubereitet werden.
Es reicht gerade für ein Glas Primitivo, den Kilian mir wegen seines hohen Tanningehalts empfiehlt, schon trifft meine Freundin Simone ein. Umarmung, Freude, noch ein paar Gläser mehr – und der Notizblock verschwindet in der Aktentasche. Für heute habe ich genug gearbeitet.
Jetzt will ich mal die Stadt richtig erleben.